
Frank Stürmers fotografische Arbeiten sind intuitive Momentaufnahmen oft übersehener Zwischenräume. Sie wirken wie beiläufige Funde und tragen doch ein Nachdenken in sich: über Synchronizität und Kreisläufe, über die mitunter absurde Nähe von Vergangenheit und Gegenwart, von Mensch und Natur, von Leben und Tod. So scheint in ihnen ein größerer Zusammenhang auf – etwas, das sich nicht ganz fassen lässt und doch alles durchzieht. Vielleicht ist es das, was im rumänischen Titel „LUME“ anklingt: ein Wort, das im Deutschen keine eindeutige Entsprechung kennt und zugleich ‚Welt ‘, ‚Menschen‘ und ‚Gesellschaft‘ bedeuten kann. Weniger also eine klare Benennung als vielmehr ein Gefühl von Weltzusammenhang, das wir in uns tragen.
Die Bilder dieser Ausstellung entstanden 2024 und 2025 auf der Insel Ischia im Golf von Neapel – an konkreten Orten. Etwa in La Mortella, einem üppigen Garten, der in den 1950er-Jahren von der argentinischen Gartenarchitektin Susana Walton angelegt wurde. Oder in kleinen Ortschaften wie Succhivo und Panza. Und doch entwickeln die Aufnahmen eine Bildsprache, die das rein Lokale übersteigt. Eine Fotografie zeigt eine junge Frau in historischem Kostüm, die wie eine Heilige wirkt, während hinter ihr eine Passantin hastig vorbeigeht, den Blick ins Smartphone gesenkt. Auf einer anderen reitet ein junger Mann, oberkörperfrei und in Jogginghose, durch die Straßen von Ischia Panza – ein Bild, das zugleich alltäglich und vollkommen unwirklich erscheint. Das vergangene Vernakulare und das Gegenwärtige verschränken sich hier zu einer eigentümlichen, paradoxen Gleichzeitigkeit. In einer Aufnahme der flirrenden Oberfläche des Meeres zerfällt das Sonnenlicht in unzählige Punkte, die sich wie Sternbilder ordnen. Für einen Augenblick wirkt die Welt größer, weiter, beinahe kosmisch.
Begleitet werden die Fotografien von einer Fünf-Kanal-Video-Installation, die Räume und Zeiten ineinanderschiebt. Ein Blick von Ischia hinüber nach Capri: einmal im grellen Mittagslicht; dann in einer von Wetterleuchten durchzogenen Nacht, als würde sich der Himmel selbst entzünden. Kontrastierend dazu stehen 2001 entstandene Aufnahmen des Mausoleums Atatürks in Ankara. Tauben, die sich durch die Szenerie bewegen, Kinder beim Spielen, Reinigungskräfte bei der Arbeit. Nationale Symbolik, rituelle Formen des Gedenkens und die leisen Routinen des Alltags existieren hier nebeneinander. Daneben die Sequenz eines Habichts, der eine Taube geschlagen hat – ein Moment, in dem sich die Unmittelbarkeit des Todes in der Natur offenbart. Die akustische Ebene der Installation basiert auf einer einstündigen Aufnahme der Naturgeräusche Ischias in den frühen Morgenstunden. Das Rauschen des Meeres, das Anschwellen und Abebben der Wellen erzeugen eine eigene Zeitlichkeit, die den Fortgang der Zeit spürbar macht und sich zugleich jeder Linearität entzieht.
Vielmehr ist es ein Kreisen, ein tastendes Verbinden von Dingen, das in den Aufnahmen der Ausstellung anklingt und in eben diesen Überlagerungen und Ambivalenzen die subtilen Zusammenhänge der Gegenwart offenbart.
Lena Tilk
Frank Stürmer’s photographic works are intuitive snapshots of often-overlooked in-between spaces. They appear as casual discoveries, yet they carry a deep reflection on synchrony and cycles, on the sometimes absurd proximity of past and present, of human and nature, of life and death. In them, a larger connection seems to emerge— something that cannot be fully grasped, yet permeates everything. Perhaps this is what resonates in the Romanian title “LUME”: a word that has no precise equivalent in English and can simultaneously mean ‘world’, ‘people’, and ‘society’. Less a clear naming than a feeling of the world’s interconnectedness that we carry within us.
The photographs in this exhibition were taken in 2024 and 2025 on the island of Ischia in the Gulf of Naples—at specific locations. For instance, in La Mortella, a lush garden designed in the 1950s by the Argentine landscape architect Susana Walton. Or in small villages such as Succhivo and Panza. And yet the photographs develop a visual language that transcends the purely local. One photograph shows a young woman in historical costume who appears like a saint, while behind her a passerby hurries past, her gaze fixed on her smartphone. In another, a young man, shirtless and wearing sweatpants, rides through the streets of Ischia Panza—a scene that appears both ordinary and utterly unreal. The vernacular of the past and the present intertwine here into a peculiar, paradoxical simultaneity. In a photograph of the shimmering surface of the sea, sunlight breaks down into countless points that arrange themselves like star constellations. For a moment, the world seems larger, vaster, almost cosmic.
The photographs are accompanied by a five-channel video installation that fuses spaces and times. A view from Ischia across to Capri: one in the glaring midday light; then in a night pierced by lightning, as if the sky had set itself on fire. Contrasting with this are images of Atatürk’s Mausoleum in Ankara, taken in 2001. Pigeons moving through the scene, children playing, cleaning staff at work. National symbolism, ritual forms of remembrance, and the quiet routines of everyday life coexist here. Alongside is a sequence of a hawk striking a pigeon—a moment in which the immediacy of death in nature is revealed. The installation’s acoustic dimension is based on a one-hour recording of the nature sounds of Ischia in the early morning hours. The sound of the sea, the swelling and ebbing of the waves, create a temporality of their own that makes the passage of time palpable while simultaneously eluding any linearity.
Rather, it is a circling, a tentative interweaving of things, that resonates in the works in the exhibition; and it is precisely through these overlaps and ambiguities that the subtle connections of the present are revealed.
Lena Tilk